Das Theater macht Sinn
Allen (freien) Künstlerkollegen, die sich selbst vermarkten (müssen), möchte ich meine jüngste Erfahrung weitergeben: Verhandelt nicht über Auftritts-Konditionen an Tagen, an denen Eure Stimmung ohnehin nicht die allerbeste ist.
Wenn Ihr schon sowieso mies drauf seid wegen des anhaltend schlechten Wetters zum Beispiel, wegen etwaiger Soft- und Hardware-Probleme, Schwierigkeiten mit den Telekommunikationsverbindungen, weil Ihr einen anonymen Brief aufgemacht und gelesen habt, statt ihn ungelesen in den Papierkorb zu werfen, oder weil Ihr ein Paket angenommen habt, dessen Annahme Ihr Euerem Bauchgefühl folgend hättet verweigern sollen - also an solchen Tagen solltet Ihr nicht auch noch über die Konditionen eines Auftrittes im Rahmen irgendeiner Betriebsfeier oder eines runden Geburtstages verhandeln.
Ich habe die Warnsignale missachtet und bin aufgeflatscht, aber wie! Der Veranstalter, der nicht ganz genau weiß, wieviele seiner Einladung folgen werden ("50, 60 oder auch das ganze Dorf"), will zwar "ne große Sause mit allem Pipapo machen", aber bezüglich der Gage schlägt er vor: "Ach, wissen Sie was - ich lade Sie einfach auch ein. Da können Sie fressen und saufen, soviel Sie wollen."
Und er wundert sich, dass ich nicht vor Freude im Sechseck springe … Ich gestehe: Mir hat es den Tag vollends verhagelt. Mein Tipp also: Passt auf! Prüft, ob die Zeit zum Verhandeln günstig ist.
Auftritt bei Kerzenlicht-Dinner anlässlich “equal pay day ,-
Claudia Riese tritt mit einem Sonderprogramm auf bei einer Veranstaltung von “Business and Professional Women” (BPW) Ulm im Zusammenhang mit dem “Equal Pay Day”. Dieser Aktionstag für Entgeltgerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, findet am 26. März 2010 statt, somit sechs Tage später als 2009. Hintergrund der Terminverschiebung ist der geschlechtsspezifische Lohnabstand zwischen Männern und Frauen, der sich in Deutschland nach jüngsten Statistiken von 22 auf 23 Prozent nach hinten verschoben hat. Deutschland bildet damit nach wie vor eines der Schlusslichter in der Europäischen Union, in der Frauen nach jüngsten Statistiken im Durchschnitt 17,4 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.
Liebe Theater-Interessierte,
wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Homepage des Landesverbands Bayern ab sofort online ist. Auf der Homepage finden sich einerseits allgemein interessierende Informationen (zum Beispiel Zugang zu den Mitglieds-Theatern). Andererseits gibt einen internen Bereich, der den Mitgliedern des Landesverbands Bayern und dem Deutschen Bühnenverein zur Verfügung steht. Hier finden Zugangsberechtigte Niederschriften, Tagesordnungen, Seminarunterlagen sowie eine ausführliche Kontaktliste aller Mitglieder im LVB.
Hier ein Beispiel für das innovative Werkzeug: Liebe & andre Katastrofen - Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen?
Klickt doch mal hier: AuGuSTheater Neu-Ulm
Ihr seht: Man kann inzwischen auch einen Bonus eintragen.
Facebook fragte mich gerade wieder: “Was machst Du gerade?” Antwort: Ich wunder mich: Die Suche nach “Allah” auf Facebook hat 2600 Ergebnisse für Seiten. Die Seite “I love Allah” steht an erster Stelle und hat 1.439.223 Fans, an zweiter Stelle kommt “Ka’aba - The House of Allah” (Religiöse Gemeinschaft) mit 1.325.001 Fans; und selbst die drittplazierte Seite (”99 Names of Allah” / Religiöses Zentrum) hat noch beinahe 630.000 Fans. Gruppen werden unter edem Begriff “Allah” rund 61.000 gelistet.
Dann gib einfach mal nur “Gott” ein. Hui: An oberster Stelle steht “Gott Vater” (der hat nur einen Freund - mich), darunter kommen schon diverse Gottfrieds, Gottschalks und die Ermute Gott sowie (an siebter Stelle) die heiße Lindi Gotti (http://ow.ly/19ZTK), also eine Göttin.
Meist kommen PolitikerInnen kurz vor einer Wahl darauf, so zu tun, als seien sie auch an Künstlern und ihren Problemen interessiert. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen im Wahlkreis Neu-Ulm, die stellvertretende Vorsitzende der "Grüne"-Bundestagsfraktion Ekin Deligöz, verhielt sich antizyklisch: Sie hatte heute ganz unkonventionell zu einem Tässchen Tee ins Theatercafé eingeladen, nicht, weil eine Wahl bevorsteht, sondern weil sie nämlich in ihrer Fraktion ein neues Aufgabengebiet übernommen hat:
Sie ist die "politische Koordinatorin" des Arbeitskreises 5 (Wissensgesellschaft und Generationen) in dem behandelt werden die Themen:
Kinder, Familie, Jugend, Demografische Entwicklung & Altenpolitik, Bildung, Forschung, Hochschulen, Kultur, Medien, Frauen und Gender, Technologiepolitik.
Frau Deligöz ist, so unser Eindruck, sehr erpicht darauf, sich sachkundig zu machen und dann kompetent zu agieren.
Jetzt könnte die Schwarmintelligenz mehr als einen Stich machen:
In diesem Arbeitskreis 5 ist doch offenbar miteinander verknüpft jede Menge von dem, was Künstler direkt und indirekt angeht, sie bewegt, wofür sie arbeiten (wenn sie nicht l'art pour l'art machen).
Also: Gebt Eure heimlich gesponnenen Ideen preis und sagt, was "die Politik" tun könnte, um das Potential der KünstlerInnen auszuschöpfen, ohne sie auszubeuten oder zu instrumentalisieren. Lasst uns zusammentragen, was die Gesellschaft für uns tun könnte, damit wir etwas für die Gesellschaft tun können. Ich wette, viele von Euch haben was auf Lager.
Geht auf mein posterous-blog und nutzt die Kommentar-Funktion. Frau Deligöz und andere PolitikerInnen lesen hier mit. Es könnte ein Dialog entstehen.
Andere web 2.0-Möglichkeiten:
http://twitter.com/ekindeligoez
http://www.facebook.com/ekin.deligoez
Und ganz wichtig: der Link zum Schlussbericht der Bundestags-Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland"
Da findet sich ein Interview mit Nis-Momme Stockmann in der Südwest Presse, in dem der junge Dramatiker ein paar Sachen loslässt, die zu diskutieren sich lohnen würde. Ob es dazu kommt?
Ich greife mal heraus seine Antwort auf die Frage
Was würden Sie gerne am Theaterbetrieb verändern?
STOCKMANN: "Alles. Und auch wieder nichts. Irgendwie zählt man sich doch auch immer ein Stück weit dazu, wenn man zu reformativ daher kommt. Und das will man dringend vermeiden, wenn man den Betrieb kennt.
Um den bleibenden Schaden des Anachronismus abzuwenden (also vor allen Dingen das Fernbleiben junger Menschen), wäre es für das Theater wichtig, sich zu ent-eiteln. Denn in Wahrheit - so nimmt das die ganze Außenwelt wahr - ist es an der Grenze zum Peinlichen, mit dem Begriff "Regisseur" und/oder vor allen Dingen "Dramatiker" sich und allen anderen eine Zeitgemäßheit vorzugaukeln.
Theatereitelkeit ist doppelt tugendschlecht: Weil der Betrieb eben so krötig in seiner eigenen Schlacke hockt, fehlt einem oft noch dazu die soziale Feinmotorik, die Albernheit als solche wahrzunehmen.
Eine großartige Veränderung wäre es, wenn Theater wieder ein Ort wäre, an dem polarisiert wird, an dem große Reibung stattfindet.
Aber auch hier gilt meist: Ich geh mit der Meinung raus, mit der ich reinging, und diese teile ich mit Regisseur und Autor. Ich nehme mich da nicht aus.
Auf dem Papier ist Theater aber ein Ort mit der Möglichkeit, unbequeme Diskurse anzustoßen und zu debattieren. Aber vielleicht ist das viel. Reichen würde auch schon, wenn das Theater einfach mal den Mut hätte, 'nur' unterhaltend zu sein und es diese bescheuerte Kopplung von Relevanz und Unterhaltung in dasselbe Archiv steckte, wo auch schon das interaktive Theater sein verdientes Ende fristet.
Theater kann aber auch ganz groß sein, anarchistisch, beseelt, lebendig und bunt - so wie kein anderes Medium. Wenn es darf. Und es darf, wenn es will."
Ja —- jetzt aber - das lass ich mir nochmal auf der Zunge zergehen: "Reichen würde auch schon, wenn das Theater einfach mal den Mut hätte, 'nur' unterhaltend zu sein und es diese bescheuerte Kopplung von Relevanz und Unterhaltung in dasselbe Archiv steckte, wo auch schon das interaktive Theater sein verdientes Ende fristet."
Info: Nis-Momme Stockmanns Stück "Kein Schiff wird kommen" feiert am Freitag, 19. Februar 2010 Uraufführung in Stuttgart.
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So langsam kriegen wir den Jahresplan auf die Reihe: Im Herbst, ab September spielen wir in leicht veränderter Besetzung nochmals eine Serie "Versteh einer die Frauen". Endgültiger Cast in Bezug auf eine Rolle Ende der Woche. Danach, ab Mitte Oktober, werden noch einmal aufgenommen "Die 39 Stufen". Da muss die eine Hälfte des Quartetts umbesetzt werden, wobei vom Einspringen in der ersten Staffel Claudia die Frauenrollen schon "drauf" hat; der Hannay ist neu zu besetzen, weil Sebastian leider in MC schon gebunden ist. Den Hannay suchen wir also noch - wenn er nicht wieder mal an mir hängen bleibt. Dann brauchen wir aber einen Veranstaltungstechniker, der mich am Soundmixer ablöst.
Am 10. April ist ja die Premiere von "Frühstück bei Kellermanns". Die Proben beginnen seit zwei Wochen "morgen". Aber länger als bis Montag ist es nicht mehr aufzuschieben. Das Bühnenbild steht ja. Mit dem Stück arbeiten wir erst einmal bis Ende Mai. Dazwischen werden immer wieder eingeschoben Termine mit unserem Klassiker "Liebe & andre Katastrofen", da herrscht schon jetzt wieder rege Nachfrage. Zur Vorstellung am letzten Wochenende gibt es auf unserem Besucher-blog zwei Publikums-Stimmen:
"Das Stück hat mir und meinem Mann sehr viel Spaß gemacht, auch wenn das Thema momentan durch Bücher, Presse und auch auf der Bühne schon etwas überrepräsentiert ist. Es ist eben einfach ein sehr wichtiges Thema und betrifft uns alle."
Eben, weil es alle betrifft, wird es allenthalben aufgenommen. Ich könnte bei "Caveman" oder Beim "Herrenabend" von Heinz Schroth ganze Textpassagen mitsprechen. Allerdings machen wir unser Programm schon seit 16 Jahren, immer mal wieder aktualisiert, besser justiert nach Publikums-Äußerungen … Die zweite Zuschrift klagt mehr Interaktion ein:
"Lustig war am Anfang die Wahl des Publikums zwischen A und B. Schade, dass es nicht so weiterging. Einmal noch "bitte alle aufstehen und dies und das sprechen". Und das war es dann auch. Danach nur noch einzelne Ansprachen ins Publikum."
Ist nicht gaaanz korrekt, aber die Interaktion ist nicht mehr soooo auffällig. Da könnte man nachbessern … Mal sehen.
Jetzt bosseln wir erst einmal an der Eigenproduktion für den Sommer, wo wir mit verschiedenen Partner zusammenarbeiten wollen, mit dem "Restaurant Konzertsaal", zu dessen Wirtsgarten man vom Restaurant her durch unser Foyer gelangt, mit der "Tiroler Speckstube Adler" in Holzheim, wo wir in den letzten Jahren regelmäßig open air gespielt haben, mit der "Gaststätte am Riedelsee" oder mit den "Bürgerstuben" in Reutti. Bei so vielen Partnern aus der Gastronomie wird es wohl dazu kommen, dass der Arbeitstitel als Programm-Titel übernommen wird: "Liebe geht durch den Magen". Da ist auch die Manuela dabei, die bei "Hach, bin ich wieder ein Schelm heute" geglänzt hatte.
Jetzt brauchen wir noch eine kleine Produktion, die im Herbst das Publikum erfreuen soll, welches die beiden wiederaufgenommenen Stücke schon kennt.
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Im „Spiegel-Gespräch“ sagt Leonardo DiCaprio über den Regisseur Martin Scorcese etwas mich sehr Elektrisierendes: („Der Spiegel“, Nr. 6 / 2010 auf Seite 128)
Leonardi DiCaprio: „Marty erwartet, dass der Schauspieler eine Idee hat. Er fängt dann an, mit dir darüber zu reden, oft stundenlang. Es gibt Kollegen, die das perfekt umsetzen, was der Regisseur verlangt. Die sind nichts für Marty.“
Spiegel: „Scorcese sagt, Sie seien ein ’Shape Changer’, jemand, der seine Gestalt in Sekunden wechseln kann.“
Leonardi DiCaprio: „Ich bin eben kein Method Actor. Method Actors bleiben für die Zeit der Dreharbeiten in ihrer Rolle, was bei einem Film von Marty fast ein Jahr dauern kann. Daniel Day-Lewis zum Beispiel hat beim Dreh von `Gangs of New York’ die ganze Zeit seine Rolle nicht verlassen. Mit dem konnte man im Grunde ein Jahr lang kein vernünftiges Wort wechseln.“
Bleibt für mich die Frage: Was mache ich, wenn sich im Laufe der Regie-Arbeit herausstellt, dass da Kolleginnen oder Kollegen dabei ist, die nichts „für Marty“ wären?
Ach, und noch ne Frage: Was mache ich, wenn ein Stück „Dead-Pan-Players“ und „Shape Changers“ verlangt, aber Teile des Ensembles unbedingt im Methodisieren verharren und das Heil finden wollen?
Dieses verdammte "Sie brauchen mir nur zu sagen, was ich machen soll." Keine Idee haben und behaupten, man könne machen, was der Regisseur sagt. Und wenn dem das zu wenig ist, was zusagen….?
Schieb ich mal noch einen DiCaprio-Gedanken nach:
"Es hat keinen Sinn zu versuchen, die Schauspielerei neu erfinden zu wollen. Marlon Brando, James Dean, Montgomery Clift. Das sind Typen, die angefangen hatten, als Schauspieler Jazz zu spielen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Keinen Foxtrott mehr. Uns Jüngeren bleibt nichts anderes übrig, als immer wieder dahin zurückzukehren. Der Korken ist doch längst aus der Flasche geknallt…."
Keinen Foxtrott mehr! Wer Foxtrott will, soll sich woanders bewerben.
Grade plane ich mal vorsichtig die Produktionen und Vorstellungen bis Ende Jahres: "Versteh einer die Frauen" wird im September mit neuer Alida wieder aufgenommen. Auch "Die 39 Stufen" werden Ende Oktober wieder auf den Spielplan gesetzt, vorausgesetzt, Matti und Holly machen mit (Mail an Euch ist unterwegs). Ich such nen Veranstaltungstechniker und übernehm den Hannay, was soll ich sonst machen - so kurz vor der Rente? Claudia wird als "Pamela", "Margret" und "Annabella" brillieren. Jetzt fehlen mir nur die Freilichttermine im Sommer … Da wird ja die Manuela dabei sein. Allerdings such ich noch nach dem Titel. Irgendsowas wie "Hilfe, meine Frau mobbt mich". Und Silvester muss festgelegt werden. Und ein neues Stück für den Herbst, welches parallel zu den anderen läuft, muss gefunden werden.Da geh ich doch jetzt stante pede Kaffee trinken.
Wir machen es schnell über all , wo wir können, bekannt: Wir suchen eine Schauspielerin, 45 Jahre alt, welche eine Vorstellung im August und dann im September / Oktober ca 14 Vorstellungen spielen kann (Übernahme / Einspringerin in fertige Produktion). Meldet Euch oder sagt es weiter.
Jetzt muss ich die Serie fortsetzen. Vor einiger Zeit hatte ich gebeten, hier zu posten, welches Euer Lieblingsvideo ist - also von denen, die man öffentlich angucken kann, bei YouTube, MySpace, Sevenload, MyVideo oder sonstwo im net. Jetzt hab ich selbst wieder was Tolles gefunden (siehe Kommentar ganz unten vom 2. Februar - eine echt heiße Nummer!) und wiederhole die Bitte: Postet Ihr, bitte, kräftig weiter - unten im Kommentarbereich.
"In den entscheidenden Augenblicken der deutschen Geschichte der letzten fünfzig Jahre haben sich zwar immer wieder revolutionär gesinnte Gruppen von Schauspielern zusammengefunden, die aber bald, wenn sie wirklich begabt oder wirklich talentiert waren, vom breit dahinlebenden bürgerlichen Theater aufgesogen wurden, so dass eigentlich nur ein kleiner, wenig begabter Rest eines gewissen 'Künstlerproletariats' übrig war, dem jede größere Einflussnahme versagt blieb."
Diese seine Beobachtung wollte Gründgens 1946 nicht für sich behalten, also zu einem Zeitpunkt, da "in den letzten fünfzig Jahren" immerhin diese berühmten tausend Jahre besonders breit dahinlebenden bürgerlichen Theaters enthalten waren, in denen besonders viel revolutionäres Potential aufgesogen worden sein muss - wenn es nicht auf brutalere Art und Weise (mund)tot gemacht wurde.
Am Ende der von damals aus gesehen folgenden Periode von fünfzig Jahren, das wir gerade breit erleben, ist nicht so viel mit aufsaugen, da auch immer weniger breit dahingelebt wird. Auf der anderen Seite ist die Zahl der möglicherweise Aufzusaugenden, aber auch der potentiellen Künstlerproleten ungleich größer als zu Gustavs Zeiten.
Wie ich auf all das komme?
Weil ich gerade in einem theaterantiquarischen Buch gestöbert habe, in "Deutsches Theater seit 1945" von Hans Daiber, erschienen 1976. Da stolpere ich nicht nur über den Gründgens, sondern auch über verschiedene, jetzt immerhin 50 Jahre alte, damals revolutionäre Aktionen wie "Sklavenmarkt" und sowas. Von den action-Künstlern weiß ich, dass sie nicht aufgesogen wurden, obwohl es Versuche gab, Rudi Carell war daran beteiligt zum Beispiel (an den Aufsaug-Versuchen, aber mehr fürs breit dahinlebende bürgerliche Fernsehen denn fürs Theater).
Und von da assoziierte ich, dass ich gerade jüngst im letzten Monat erschienenen "Kulturspiegel" lesen durfte, wie der begabte und talentierte Rene Pollesch (was ja durch Preise belegt ist) angeblich seinen Monat plant und dass er beim Schildern dieser Pläne auch die begabte und talentierte Truppe "Gob Squad" erwähnt; und dann kommt mir , wie sehr die Truppe Begabter und Talentierter, die als "Rimini Protokoll" (gleich beim ersten "Faust" bepreist) firmiert, in vieler Feuilletisten-Munde ist; und klar: sofort bin Schlingensief, der zunächst nur ungeheuer talentiert und begabt war, dann aber überall ungeheuer aufgesogen wurde und wird, in Bayreuth, Bregenz (oder war es Zürich, irgendwo in CH jedenfalls) und Afrika.
Und der Schorsch Kamerun erst, der ja mal ne "Goldene Zitrone" (Stichwort: St. Pauli, Hafenstraße) war, dann aber irgendwie - ne das Wortspiel mit der "Goldenen Nase" lass ich weg, das trifft beim Schorsch nicht zu. Außerdem ist der nicht nur talentiert und begabt, sondern auch nett. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ist er so nett, dass er sogar seinen "Zitronen"-Trommler zum Arzt geschickt hat mit dem knappen Satz: "Far in Urlaub" (das fehlende "h" ist kein Setzfehler, sondern ein Kalauer).
Kann jemand, der womöglich bis hierhin gelesen hat, mir womöglich ne kleine Hilfestellung geben, ob die Genannten nun schon aufgesogen sind oder zum Künstlerproletariat gehören. Ich hör jetzt auf zu proleten. Es ist spät. Da bleibt nur noch ein Rest von Zeit, das Exklusiv-Gespräch mit Oskar Lafontaine im neuesten "Stern" zu lesen. Vorher befrag ich noch den GlucoMen und genehmige mir den Rest "Grüner Veltliner", zum Daiber nochmal. Hoffentlich schlaf ich dann den Rest der Nacht und muss nicht zu viel grübeln, weshalb mir jede größere Einflussnahme versagt bleibt auf all die unhaltbaren und unerträglichen Missstände, zu denen ich in den letzten Tage was gebloggt und getwittert habe.
Man kann sich über alles mögliche aufregen. Dass immer weniger Geld für Kunst (und auch Kultur) übrig ist, kann einen schön mächtig ärgern.
Aber vorrangig finde ich zwei Dinge unhaltbar:
Es ist echt zum Verrücktwerden. Ich müsste eigentlich in die Anstalt, mich einweisen lassen zum Priol und zum Schramm, ähnlich wie die auf der Bühne reinhauen, vom Leder ziehen. Aber das wollten in unserem Haus nicht ausreichend viele hören und sehen. Damit wäre kaum jemand hinterm Ofen vorzulocken, so dass man Geld sowieso nicht damit verdienen könnte und - was schlimmer wäre - alles ungehört verhallte. Ich könnte genauso gut an die (Ulmer) Wand sprechen. Also jetzt streich ich mein nächstes Stück weiter. Da bin ich beschäftigt. Aber: Ich komme auf meine beiden Punkte immer noch mal wieder zurück! Versprochen und hiermit angedroht.
Myriaden von Fliegen können nicht irren: Scheiße muss schmecken. Andererseits: Zeitgenössische Kunst ist nicht massenkompatibel.
Ein Künstler ist Solist, zwangsweise, Individualist, Ausländer überall.
Der polyglotte Theatermacher Georges Tabori bezeichnete Heimat immer als den Ort, wo gerade „seine“ Bretter standen, die ihm die Welt bedeuteten. Exakter sagte der Weltbürger: „Ich bin grundsätzlich ein Fremdling. Erst hat mich das gestört, aber alle Theatermacher, die ich liebe, waren Fremde. Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne.“
Und etwas anders: "Ich habe keine Heimat, in jedem Sinn des Wortes Heimat, nicht einmal einen Ruheplatz, außer dem Theater."
Als es die DDR noch gab, "rieten" Konservative den Leuten, die an bundesrepublikanischen Zuständen was zu monieren hatten: "Geh doch rüber, wenn Dir hier was nicht passt."
Der CSU-Oberbürgermeister einer bayerischen Kleinstadt tat diesen Spruch sogar einem aktiven Bundeswehr-Berufsoffizier rein, als der eine Unterschriftenliste übergeben wollte, in der Mängel und Probleme im Wohnquartier aufgelistet waren.
Und in der virtuellen Welt? Entdeckt man längst ähnliche Mechanismen. Auch ist Kritisch-sein, autonom sein wollen, Individuum nicht sooo sehr gefragt. Dass Konservative, Fundamentalistische, Orthodoxe, Strengreligiöse, Ideologische gern ausgrenzen, verbannen oder gar auslöschen wollen, das kennt man, da hat man sich (fast) schon dran gewöhnt.
Aber versuch mal auf Wikipedia an dem einen oder anderen Begriff mitzuarbeiten. Wenn Du da nicht dem opinionleader folgst, geht es los, bist Du gehst oder gesperrt wirst. Interessant, was dazu Jaron Lanier, ein Internetpionier, jüngst in einem Interview mit "sueddeutsche.de" sagt:
"SZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch zwei parallel stattfindende Prozesse: Die radikale Reduzierung unserer Persönlichkeiten im Netz, die allmählich auf unsere realen Ichs zurückschlägt. Und die Entwicklung einer Art Online-Diktatur der Masse.
Jaron Lanier: Beide Entwicklungen gehen Hand in Hand. Denken Sie an Wikipedia: Das Ideal dort sind Artikel, die frei sind von jeder ideologischen Tendenz. Das ist natürlich unmöglich. Was am Ende stehenbleibt, ist die Mob-Ideologie, die sie in sehr vielen Beiträgen finden. Weil so viele Leute zu Wikipedia verlinken, tauchen die Beiträge bei Google an den ersten Stellen auf. Alle, die sich nun mit einem Thema beschäftigen, sind versucht, die Wikipedia-Linie zu übernehmen. Der Durchschnitt setzt sich immer mehr durch, Qualität geht verloren."
Es lohnt, das vollständige Interview zu lesen. Neben anderen Passagen, die höchst spannen sind, greift Lanier auch hier nochmals den von ihm erfundenen Begriff vom "Digitalen Maoismus" auf, der uns Künstler in verschiedener Hinsicht veranlassen sollte, zu denken:
"Jaron Lanier: Unter Mao wurden alle, die die Pyramide ein Stück hochgeklettert waren, wieder hinabgestoßen und auf die Felder geschickt. Die heutige Online-Kultur tut im Prinzip genau dasselbe. Musiker sollen ihre Musik verschenken, sie können ja mit Konzerten und T-Shirts Geld verdienen. Journalisten sollen umsonst schreiben, dann werden sie vielleicht in eine Talkshow eingeladen oder können ihre Bücher verkaufen. Statt der avanciertesten geistigen Arbeit wird eine primitivere, physischere Leistung belohnt. Das kehrt die kulturelle Entwicklung der Menschheit um."
Wer Lust hat, kann korrespondierende Ansichten auch finden unter "AuGuS Theater Neu-Ulm - Vom Denken und vom Lachen" (Seite im Aufbau).
Gestern hatte ich mich übers Thema 'Lügen auf der Theaterbühne' und "Lügen auf der Bühne des Lebens' ausgelassen.
Das bringt mich drauf, an dieser Stelle heute den Ball vom guten Heinz Erhardt anzunehmen und mit einem langen Pass nach vorn zu spielen:
Was es nicht alles gibt !
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Bei uns gibt es - wie in den allermeisten freien Bühnen - keinen Vorhangmann, keinen Inspizienten, keine Frisöse, keine Sufflöse, keinen Gardrober und keinen Kantinenober.
Es gab in den letzten drei Produktionen einen Kulissenbauer.
Es gibt aber wiederum keinen Helden (somit auch nicht dessen Mutter oder Vater), keinen Bongwiwang und keine Suhbrette mit Gesang. Ach, nen Komiker gibt's, der ist aber auch für alles andere zuständig. Klar, dass so eine freie Bühne auch keinen Intendanten hat.
Nur der letzte Posten in Heinz Erhardts Gedicht, der besetzt sich auch bei uns zeitweilig so ganz von selbst und heimlich leise weinend - bis die "Rolle" aus der Rolle fällt und zum Beispiel versehentlich eine SMS an die falsche Adresse schickt oder sich mit einer Mail an die falsche Box verrät. Dann wird die Rolle samt Inhabe(in) gestrichen.
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Autonomes Goethe- und Schiller-Theater Neu-Ulm
Wer bin ich - und wenn ja - wie viele
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"Vor allem Echtheit und Natur -
hier ist ein Handwerk erst getan.
Natürlich-sein ist Eure Pflicht!
Dann fängt die Kunst erst an."
Christian Morgenstern
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